Plan R: Süßes Versprechen – das wird ein guter Jahrgang

LEUTESDORF. -nsc- Während auf dem rekultivierten Weinberg direkt am RheinSteig oberhalb von Leutesdorf die neu gepflanzten Reben eifrig weiter wachsen, gilt es einige Meter weiter unterhalb für Sarah Hulten und ein Team aus fleißigen Helfern in ihrem neuen eigenen Weinberg die reifen Trauben zu lesen. Mit dessen Erlös finanziert die Jungwinzerin ihren ambitionierten Plan R – die Rekultivierung einer alten, brach gelegten Steillage – weiter.

Nebel wabert tief über dem Rheintal. Die gewohnt schöne Aussicht, die man von den Leutesdorfer Weinbergen aus hat, versteckt sich noch hinter grauen Wänden. Zaghaft lichtet sich das Grau und verheißt einen sonnigen Tag – perfektes Lese-Wetter also.

Crashkurs: 
Trauben lesen

Kleine Wölkchen Atem steigen in der kühlen Herbstluft auf während Sarah erklärt, worauf es ankommt. Eine Gruppe wissbegieriger Helfer lauscht gespannt den Worten der Jungwinzerin. Nicht nur aus der näheren Umgebung wie Koblenz sind sie in den kleinen Winzerort am Rhein gekommen, sondern auch von Aachen über Bonn und sogar aus Stuttgart, um bei der Lese mit anzupacken. „Ich habe im Sommer zwar eigentlich alle Geiztrauben abgeschnitten, aber wenn ihr über dem zweiten Draht kleine Trauben findet, die an solchen ‚Schnörkeln‘ wachsen, lasst die bitte hängen. Die sind später gewachsen und nicht so reif“, sagt Sarah charmant und zeigt auf eine kleine, dunkelgrüne Traube, die abseits der anderen inmitten der oberen Laubwand wächst. Nach einem kurzen Crashkurs, worauf alles geachtet werden muss und wie man richtig Wein liest, geht es mit Eimer und Schere ausgestattet endlich in den Weinberg.

Weinlese Sarah Hulten

Während im Plan R-Weinberg die neu gepflanzten Reben wachsen, erntet Sarah Hulten mit einem Team fleißiger Helfer etwas weiter unterhalb zahlreiche Trauben in ihrem neuen Weinberg.

Steil, steiler, Weinberg

Von unten betrachtet, sieht es gar nicht so schlimm aus. Doch der Weinberg der Leutesdorferin hat eine ordentliche Steigung. 70 % um genau zu sein. Da muss alles Handarbeit sein. Mit Ausnahme der großen Wanne, in der die geernteten Trauben landen und die auf einer Art Schlitten durch eine Seilwinde vom Traktor die Weinbergreihen hochgezogen wird. Das bietet zwar ein bisschen Komfort, allerdings macht sich die durch die Steigung bedingte Haltung beim Laien dennoch schnell bemerkbar. Es ziept in der Wade. Das Knie rebelliert. An den Knöcheln drücken die Schuhe. Doch es lohnt sich . . .

„Das ist so unfassbar schön“, sagt Sarah strahlend und betrachtet die im Sonnenlicht golden schimmernden Weintrauben. Auf die Frage, ob die winzig kleinen, vereinzelten, goldgelben Träubchen auch mit in den Eimer sollen, antwortet sie: „Klar, das sind die Besten. Probier mal.“ Und die Beeren landen im Mund. Die Schale platzt und unendliche Süße breitet sich aus.

Zuckersüß und kaum eine Schlechte ist zu finden – der Rekordsommer hat in den Weinbergen positive Spuren hinterlassen. „Das Lesegut ist gesund und hat ein super Mostgewicht. Ich hatte zum Glück keine großen Probleme mit der diesjährigen Trockenheit“, resümiert sie.

Riesling Trauben Sarah Hulten

Mit einem gezielten Schnitt direkt oberhalb der Traube trennt Sarah Hulten sie von der Rebe.

Ab in den Keller

Mittlerweile im Keller darf der Wein spontan gären. Also ohne die Zugabe einer Reinzuchthefe. „Die Gärung klappt ganz wunderbar und in den beiden Tanks entwickeln sich zwei duftige Riesling-Jungweine, die hinterher vermutlich wieder miteinander vereint werden“, berichtet die Jungwinzerin.

Und das ist nicht die einzige gute Nachricht für die Leutesdorferin: Mit 1,5 Sternen für ihren ersten eigenen Jahrgang wurde sie im Vinum Weinguide unter die besten deutschen Winzer aufgenommen. „Ich freue mich riesig über diese tolle Auszeichnung und bin meinem Mentor Peter Selt sehr dankbar für seine Unterstützung mit dem damaligen Jahrgang 2016. Es ist toll, dass er an mich und meinen Plan R geglaubt hat“, erklärt Sarah stolz. Das Projekt Plan R steht mittlerweile auf eigenen Beinen, sodass sich die ambitionierte junge Frau dazu entschied, den aktuell gelesenen Weinberg im März zu übernehmen und selbstständig zu bewirtschaften. Damit ist sie nun komplett allein verantwortlich. „Ich muss jetzt selbst weiter herausfinden, in welche Richtung ich gehen möchte“, weiß Sarah. Und noch etwas weiß sie gewiss: „Ich bin mir sicher, der 2018er wird sich sehen lassen können. Ich bin gespannt, wie sich der Jahrgang entwickeln wird!“

 

Fotos: Schöneberg

 

Weitere Teile der Serie:

Teil 1: Sarah Hulten kommt ihrem Traum vom eigenen Weinberg näher

Teil 2: Erst wird gerodet, dann gepflanzt – und zwischendurch? Trockenmauern erneuert

Teil 3: Er wächst wieder, der Wein – Sarah Hulten pflanzt ihre Rieslingreben

 

By |2018-11-06T11:23:51+00:0006, 11, 2018|